Der Nahe Ooohsten

Kategorie: Reisen

Der Nahe Ooohsten
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Wenn Sie shoppen wollen wie in London, essen wollen wie in Paris, feiern wollen wie in Ibiza und alte Steine sehen wollen wie in Rom, dann fahren Sie doch mal nach Beirut

Die Brunftzeit in Beirut beginnt gegen 22 Uhr. Dann röhren im Szeneviertel Gemmayzeh BMW-Sechszylinder, polierte Porsche und schwarze S-Klassen mit Doppel-Chrom-Auspuff um die Wette. Wer zur Beiruter Schickeria gehören will, stellt sich mit seinem automobilen Phallus in den Stau – und tritt gelegentlich im Leerlauf aufs Gaspedal.

Wahib El-Samrani ist das Getue der jungen Leute ziemlich wurscht. Er hat den mit Abstand längsten Benz. 70 Jahre ist Wahib alt und stolzer Besitzer eines 67er Mercedes 200 D in der Langversion mit sechs Türen. 55 zuverlässige PS, weinrot, rote Kunstledersitze und Heckflossen mit ein bisschen Spachtelmasse an den Enden. 2000 Libanesische Pfund (ca. 1 Euro) kostet die Fahrt in seinem Sammeltaxi durch das historische Städtchen Byblos, etwa 40 Kilometer nördlich der Beiruter Brunft-Boulevards.

Nagelnde Diesel und röhrende Viel-Zylinder. Gut und gerne 300 PS liegen dazwischen. Welten, im wahrsten Sinne des Wortes. Der Libanon wagt den Spagat zwischen Tradition und Aufbruch. Morgens Tee trinken, abends Cocktails. Die Clubs zählen zu den besten der Welt, finden selbst die Kollegen der „New York Times“. Und die müssen’s schließlich wissen.

20 Jahre nach Ende des Bürgerkrieges ist der Libanon zurück auf der touristischen Landkarte: Sieben Prozent Wirtschaftswachstum, zwei Millionen Besucher in 2009 – allein im ersten Halbjahr ein Plus von 46 Prozent! Beirut boomt: Im Hafenviertel wachsen gläserne Wolkenkratzer in den Himmel, wo 900-Quadratmeter-Apartments acht Millionen US-Dollar kosten. Die alten Basare, im Bürgerkrieg (1975– 1990) komplett zerstört, sind wieder aufgebaut – als super-schicke Mall mit Dolce & Gabbana & H & M & so weiter. Mehr Luxus-Boutiquen gibt’s in London auch nicht. Die Preise sind ähnlich hoch.

Das Lieblingsviertel der Libanesen ist die restaurierte Altstadt mit ihren Kopfsteinpflaster-Gassen. Im „Grand Café“ am Place de l’Étoile sitzen Frauen und rauchen Wasserpfeife, eine Straße weiter fotografiert ein Scheich den anderen mit seiner Handykamera (die Scheichs legen derzeit viel Geld im Libanon an).

Keine fünf Minuten entfernt von der Altstadt erhebt sich das neue Wahrzeichen, die Ende 2008 eröffnete Al-Amin Moschee. Sie ist die größte im ganzen Libanon. Tausende Gläubige passen hinein. Mauer an Mauer steht nebenan die christliche Maroniten-Kathedrale St. George. 18 Religionen gibt es in der Zwei-Millionen-Metropole (grob geschätzt, die letzte Volkszählung fand 1932 statt). Beirut ist damit die konfessionell vielfältigste Metropole im Nahen Osten: armenische Katholiken, maronitische Christen, Orthodoxe, Drusen, Moslems. An jeder Ecke ragt ein Minarett oder ein Kirchturm in den Himmel.

Nicht immer ging das religiöse Nebeneinander gut. Im Bürgerkrieg teilte die „grüne Linie“ die Stadt in den muslimischen Westen und den christlichen Osten. Heute steht an der alten Front ein Ferrari-Autohaus.

540 PS statt 1001 Nacht: Enge Gassen mit Gewürzmärkten sucht man in Beirut vergeblich. Die Innenstadt mit ihren Arkaden hat eher französisches Flair. Mondän ist Beirut. An einigen Stellen sogar dekadent: Auf dem Uhrenturm prangt der Rolex-Schriftzug, zur vollen Stunde erklingt der Schlag von Big Ben.

Zum Glück hat der Krieg nicht die ganze Geschichte dem Erdboden gleichgemacht. Im Gegenteil. Beim Wiederaufbau entdeckten Archäologen eine alte römische Therme. An anderen Stellen sind römische Straßen mit riesigen Granitsäulen restauriert worden. „Von 64 v. Chr. bis 370 n. Chr. war die Stadt römische Kolonie“, sagt Stadtführer William, der früher in Aachen Luft- und Raumfahrttechnik studiert hat.

Seine Biografie ist typisch: „Ich bin dreimal ausgewandert. Für drei Jahre nach Brasilien, für 13 nach Deutschland und für sechs nach Kanada.“ Rund 13 Millionen Libanesen leben im Ausland. Zu Hause geblieben sind nur vier Millionen.

Einer davon ist Wahib, der Taxifahrer. Rein in den Benz, los geht’s zur Rundfahrt. Ein bisschen Schickeria spielen. Wahib winkt ab, will den Gasst aus Deutschland nicht mal gegen ein großzügiges Trinkgeld fahren. „Ich habe Stammgäste, die gleich vom Gemüsemarkt kommen und nach Hause wollen. Das geht vor.“ Irgendwie sympathisch – müsste man nicht laufen.

Quelle: Bild.de

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Tags: nahe ooohsten

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